Des Kaisers Badewanne
Ostseeinsel Usedom: Die alten Kaiserbäder und unberührte Naturparadiese sind nur noch 21/2 Flugstunden entfernt
Sobald Gunnar Fiedler mit dem Landrover bewohntes Terrain verlassen hat, hält er an und bittetzwei Passagiere in luftige Höhe. Die Mitfahrer legen sich bäuchlingsauf das Dach des Geländewagens und haken die Füsse an den Querstreben ein. Kaum einer verlässt den herrlichen Ausguck freiwillig. Denn es gibt viel zu sehen auf der Safari kreuz und quer durch die Insel Usedom im Nordosten Deutschlands.
Fiedler schleicht mit dem Allradler zwar keine Nashörner oder Giraffen an, aber seine Gefolgschaft kriegt jede Menge Seeadler vor Feldstecher und Fotoapparat.Die Räuber mit 2,8 Meter Flügelspannweite jagen alles, was sich zu Wasser und zu Land bewegt.Gunnar sagt, er habe mal einen Seeadler im Nahkampf mit einem Fuchs beobachtet.
Fast vier Zugstunden liegt Usedom von Berlin entfernt. Der Trip von der Schweiz an die Ostsee dauert, den Flug nach Berlin eingerechnet, einen Tag. Doch bald verkürzt sich die Reisezeit auf 2,5 Stunden. Ab 30. Mai fliegt OLT jeden Samstag nonstop von Kloten nach Usedom.
Im Achterland: Seen, dichte Schilfgürtel, lichte Wälder
Hier zeigt Gunnar Fiedler mit Begeisterung das Achterland, das Naturparadies jenseits des zum Teil dicht bebauten Küstenstreifens.Im Hinterland glänzt das Wasser der Seen in der Sonne. Der Wind rauscht durch undurchdringliche Schilfgürtel und lichte Wälder und rüttelt an den Rädern stillgelegter Mühlen. Auf der Reise durchs südliche Achterland begegnen wir nur einer Handvoll Ausflügler. Dafür aber Kühen,Schafen und Schweinen, die riesige Weiden bevölkern. Und einen Bauern, der beim Pflügen des Feldes von einem Schwarm Möwen verfolgt wird. Das Wasser ist auf Usedom nirgends weit weg.Direkt an der Ostsee liegen die Kaiserbäder, die drei Ferienorte Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck. Ihr Strand besitzt Karibik-Qualität, so feinsandig, sauber und hell ist er. Stolz verkündet die Werbebroschüren: Nirgendwo in Deutschland scheint die Sonne länger. Bis weit in den Oktober hinein garantiert sie mildes Klima.
An der Strandpromenade: Villen sind prächtig renoviert
Diese Vorzüge sprachen sich Mitte des 19. Jahrhunderts beim Berliner Grossbürgertum herum, das Heringsdorf zum bevorzugten Ferienort kürte. Reiche Hauptstädter, darunter viele jüdische Bankiers wie Oppenheim oder Bleichröder, bauten an der Heringsdorfer Strandpromenade herrschaftliche Villen im Stile der Bäderarchitektur. Sie ist kein eigenes Genre, sondern ein Mix aus Versatzstücken diverser Epochen. Klassizistische Säulen finden sich an den von wunderbaren Parkanlagen umrahmten Herrschaftshäusern ebenso wie palladinische Freitreppen, Jugendstilbalkone, skandinavisch inspirierte Holzfassaden, englische Landhausdächer oder romantische Türmchen. Die Häuser an der Prachtmeile von Heringsdorf erlebten ein wechselhaftes Schicksal: Enteignung durch die Nazis und die Sowjets, Nutzung als Ferienheime der werktätigen DDR-Bevölkerung, Rückgabe an frühere Besitzer oder Verkauf an Investoren. Heute sind alle Villen der ersten Reihe prächtig renoviert, beherbergen exklusive Ferienwohnungen oder Hotels. Werner Molik kam nach der Wende aus dem Rheinland nach Usedom, erwarb eines dieser his torischen Gebäude und erweiterte es zum Strandhotel Heringsdorf. Gerne würde Molik weitere Appartements erstellen. Aber die Wirtschaftskrise könnte auch Usedom treffen, vielleicht verschiebt Molik die Expansion um ein Jahr. Dann bleibt dem Jäger genug Zeit, im eigenen Revier anzusitzen. 180 Kilo Fleisch von Hirsch, Reh und Wildschwein lieferte er im letzten Jahr den Köchen des Strandhotels.
Petra Bensemann ist Berufskollegin von Molik. Sie führt das 2006 eröffnete Hotel Das Ahlbeck unweit der romantischen Seebrücke von Ahlbeck. Der Ort zog einst weniger glamouröses Publikum an als Heringsdorf. Gartenanlagen und Häuser fielen bescheidener aus. Tempi passati, Das Ahlbeck zählt zu den bes ten Hotels der Insel, seine stylische Wellnesszone genügt höchsten Ansprüchen. Petra Bensemann, zu DDR-Zeiten Lehrerin, glaubt, dass die Kundschaft auf Usedom nicht nur Strand und Natur sucht, sondern sich gerne auch umsorgen lässt. Das erprobt man vortrefflich auf der Terrasse des Hotels – kuschelt sich in einen Strandkorb, ordert ein Kännchen Kaffee und einen Streuselkuchen, blinzelt in die Sonne und nimmt aus sicherer Distanz die Parade der flanierenden Völkerscharen ab. Die Promenade misst 8,5 Kilometer und reicht von Bansin bis Ahlbeck. Würden die Polen vorwärtsmachen und ihre Strandmeile von Swinemünde bis zur Grenze verlängern, wären es 15 Kilometer – Europarekord.
An der polnischen Grenze: Vier Kilometer bis zur anderen Welt
Seit kurzem gibt es auf der binationalen Insel Usedom keine Grenzkontrolle mehr. Ein Pfad führt gleich hinter dem Strand durchs ehemalige Niemandsland, Pfähle erinnern an den früheren Grenzzaun. Dem Waldweg folgt die Ul. Stefana Zeromskaya: Willkommen in Polen. Risse zieren das Strassenpflaster. Alleebäume mitten im Trottoir zwingen den Passanten zum Slalomlauf. Der Ostblock-Groove verliert sich aber an der Promenade von Swinemünde, wo Springbrunnen das Gemüt erheitern und Dutzende von Ruhebänken zur Rast laden. Der vier Kilometer lange Grenzmarsch hat uns in eine andere Welt geführt. Während drüben in Deutschland die Menschen in Windjacken und Pullovern über die Promenade hasteten, geniessen die Polen palavernd und mit nacktem Oberkörper die Sonne. Junge Mädchen stöckeln in Highheels durch die autofreie Zone. Der Kellner im Freiluftcafé spricht ungern Deutsch, und aus den Imbissbuden riecht es dezent nach Knoblauch. Seit der Grenzöffnung fahren Bus und Bahn wieder bis Swinemünde, aber Deutsche und Polen ignorieren das vereinigte Europa und haben sich nicht viel zu sagen.
Usedom ist gut für viele weitere Kuriositäten; in Trassenheide empfängt ein auf dem Kopf stehendes Einfamiliehaus die Besucher. Die laufen über die Decke und bestaunen WC-Schüssel, Tisch und Stühle, die vom Fussboden hängen. In der stillen Stadt Usedom hat eine Spinnerin das Rad aufs Trottoir gestellt und verarbeitet Schafwolle, und in der Gaststätte am Bahnhof Heringsdorf gondeln Bier und Mineralwasser per Modelleisenbahn von der Theke zu den Gästen.
Kurios auch die Situation der Usedomer Fischer. Sie haben keine Mühe, den Fang ab Kutter unters Volk zu bringen. Aber in den Netzen bleibt nur noch ein Bruchteil der Beute früherer Tage hängen. Klaus Schulz aus Usedom-Stadt zeigt uns ein seltenes Prachtexemplar eines Zanders von acht Kilo, den er heute Morgen gefangen hat. Doch wie Eddy Stoll, Berufskollege in Bansin, kämpft Schulz erfolglos gegen den Feind aller Fischer. Kormorane fressen die Fische weg, vermehren sich rasend. «Wenn ein Schwarm aufsteigt», sagt Stoll in bestem Fischerlatein, «verdunkelt sich der Himmel.» Sobald Jäger aus rücken, um die Vögel zu dezimieren, sind TV-Equipen und protestierende Natürschützer zur Stelle.
Safari-Guide Gunnar zeigt uns einen mächtigen Gesteinsbrocken im Achterwasser vor Pudagla, zwischen Insel und Festland. Eine dicke Schicht von Vogelmist überzieht den Teufelsstein, der so heisst, weil ihn einst der Satan ins Wasser geschleudert haben soll. Jetzt dient er den Kormoranen als Ausguck, drei Teufelsvögel haben sich gerade niedergelassen. Gunnar packt auf dem Rastplatz am einsamen Strand das Picknick aus, schneidet frisches Brot und Bioschinken, öffnet Gefässe mit Butter und ausgemachter Konfitüre. Die Insel-Tour hat hungrig gemacht. Die Oberdeckpassagiere steigen jetzt sogar freiwillig vom Dach des Geländewagens.
VON CHRISTOPH AMMANN
Sonntag, 24. Mai 2009 |